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Gesellschaft Schweizerisch-Tibetische Freundschaft
zusammengestellt von Dr. Uwe Meya

4. Februar 2012
China verschärft die Repression in Tibet
Eine ganze Reihe von Massnahmen, die in der letzten Woche publik wurden, zeigen das Aussmass der neuen Restriktionen, die China in allen Regionen Tibets implementiert. Einmal mehr werden „separatistische Gruppierungen im Ausland“ beschuldigt, hinter den Unruhen zu stehen. „Die Versuche separatistischer Gruppen im Ausland, die Wahrheit zu verdrehen und die chinesische Regierung zu diskreditieren, sind zum Scheitern verurteilt“, erklärte ein Sprecher des chinesischen Aussenministeriums.

Abriegelung von Regionen in Sichuan und Gansu
Die Regionen Tibets, die heute in Sichuan und Gansu liegen, werden hermetisch von der Aussenwelt abgeriegelt. Reporter der Nachrichtenagentur AFP wurden an der Reise in den Westen Sichuans gehindert. Bei einer Kontrolle an der Fernstrasse wurden sie wegen „Schneefalls“ zurückgewiesen. In der Präfektur Kandze (chin. Ganzi) waren die Telefon- und Internetverbindungen gestört oder ganz unterbrochen. Im tibetischen Viertel von Chengdu, der Hauptstadt Sichuans, war es Reportern untersagt, Fotos oder Interviews zu machen.

Aushängen von chinesischen Flaggen und Portraits von Politikern
Im Rahmen der im letzten Dezember vom neuen Parteivorsitzenden in Tibet, Chen Quanguo, in tibetischen Dörfern implementierten Kampagne „Neun Dinge, die man haben muss“, wurden zum chinesischen Neujahr über eine Million chinesischer Flaggen und Wandbilder mit den Portraits von chinesischen Staatsführern an Klöster, Schulen, Büros und Haushalte verteilt. Der Vorsitzende der kommunistischen Regionalregierung in Tibet, Padma Choling, bezeichnete das Aushängen der Portraits als Ausdruck der „von Herzen kommenden Dankbarkeit der Tibeter an die Zentralregierung und die Kommunistische Partei Chinas“.

Ausweiszwang
Alle Personen, die nach Tibet einreisen wollen, müssen ab 1. März einen von der Regierung ausgestellten Personalausweis (chin. shen fen zheng) mit sich führen. Bei einer Inspektionsreise sagte der Vorsitzende der Kommunistischen Partei in Lhasa, Qi Zhala, diese Massnahme diene der „Koordination zwischen den vier Provinzen“ [Qinghai, Gansu, Yunnan und Sichuan, in die jeweils Teile des historischen Tibets aufgenommen wurden; UM]. Die Polizei dürfe „keine kleinen, keine mittleren, und keine grossen Zwischenfälle zulassen“ und müsse gegen „Separatisten hart zuschlagen“. Die Sicherheitsmassnahmen müssten verschärft und die Zahl der Polizisten vergrössert werden, besonders entlang der Überlandstrassen und bei den „Schlüsselklöstern“.

Personenkontrollen und Hausdurchsuchungen
Tibeter in Lhasa klagen, dass sie kaum ein Paar Schritte auf der Strasse machen könnten, ohne von der Polizei kontrolliert zu werden. Es gibt viele Berichte von willkürlichen Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Sicherheitskräfte kontrollieren die Identität aller Hotelgäste in Lhasa. Selbst in Beijing wurden die Hotels und Badehäuser vom Büro für Öffentliche Sicherheit angewiesen, auf die Anwesenheit von Tibetern zu achten. Das Personal muss deren Identität kontrollieren und Hotelgäste sofort der lokalen Polizeistation melden.

Aus Indien zurückkehrende Pilger verhaftet
Mehrere Hundert Pilger, die via Nepal aus Indien nach Tibet zurückkehrten, sind verhaftet und in einen Zug nach China mit unbekanntem Ziel verbracht worden. Augenzeugen hatten diese Szene auf dem Bahnhof von Lhasa beobachtet. Über das Schicksal dieser Tibeter ist nichts bekannt.

Am Grenzübergang von Nepal nach Tibet im Ort Drangmo (chin. Zhangmu) wurden vom Büro für Öffentliche Sicherheit eigens 12 Kontrollposten eingerichtet, die zurückkehrende Tibeter kontrollieren und verhören. Schon früher hatten Tibeter geklagt, dass ihnen bei diesen Kontrollen religiöse Gegenstände, sogar ihre Gebetsketten, oder in Indien gekaufte Medikamente weggenommen würden, und dass sie mitunter mit vorgehaltener Waffe bedroht und eingeschüchtert würden.

Quellen: ORF; Phayul; Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD

 

26. Januar 2012
Unruhen in Tibet weiten sich aus – weitere Todesopfer
Angesichts der offiziellen Nachrichtensperre und dem Einreiseverbot für unabhängige Beobachter ist es derzeit schwer, sich ein angemessenes Bild von den Unruhen in Tibet und der Zahl der Opfer zu machen.

Die Nachrichten von Informanten deuten darauf hin, dass sich an mehreren Orten Proteste ereigneten, denen von Sicherheitskräften mit Waffengewalt begegnet wurde, und dass es mehrere Todesopfer gab.

In Drango [vergl. Tibet-Information vom 23. Januar 2012; UM] soll es unbestätigten Meldungen zufolge nicht nur ein, sondern bis zu 6 Todesopfer gegeben haben. Nahezu 40 verwundete Tibeter sollen im Kloster Zuflucht gesucht haben, da sie sich nicht trauten, aus Furcht vor Verhaftung und Misshandlung das lokale Spital aufzusuchen. Einige von ihnen befinden sich wegen ihrer schweren Schussverletzungen in kritischem Zustand.

In der Nachbarprovinzu Ngaba (chin. Aba), in dem das Kloster Kirti, Ort der meisten Selbstverbrennungen, liegt, sollen mehrere hundert Mönche und Laien einen Sitzstreik veranstaltet haben. Sie entblössten ihren Oberkörper und rezitierten Gebete, später marschierten sie gegen die aufgebotenen Sicherheitskräfte weiter und riefen Parolen zur Freiheit Tibets und für die Rückkehr des Dalai Lama. Es ist nicht bekannt, ob dieser Protest niedergeschlagen wurde.

Eine grosse Zahl von Opfern soll es auch in der Stadt Serthar, Präfektur Kardze (heutige chinesische Provinz Sichuan), gegeben haben. In Serthar, das schon im Oktober Schauplatz eines Protestes wurde [vergl. Tibet-Information vom 4. Oktober 2011; UM], sind nach Meldung von Augenzeugen bis zu 5 Tibeter erschossen worden, weitere 10 seien verwundet und etwa 40 verhaftet worden. Die Proteste begannen am 23. Januar, als im Ort Plakate gesehen wurden, die die offiziell verbotene tibetische Nationalflagge, Parolen für die Freiheit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama zeigten und ankündigten, dass weitere Selbstverbrennungen folgen würden, wobei die Leichname nicht in die Hände der Polizei fallen dürften.

Am 24. Januar versammelten sich etwa 300 Tibeter vor der örtlichen Polizeistation von Sertar. Die Sicherheitskräfte hätten wahllos in die Menge geschossen. Niemand traue sich mehr auf die Strasse, da auf alle Menschen, die sich dort bewegen, geschossen werde. Alle Strassenkreuzungen seien von Sicherheitskräften besetzt. Hotels, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen seien geschlossen. Der Ort stehe praktisch unter Kriegsrecht mit einer Ausgangssperre.

Die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua gab schlussendlich die Unruhen zu und sprach von einem „Mob“, der die Polizeistation und eine Bank zu stürmen versuchte. Die Sicherheitskräfte hätten erst zu den Waffen gegriffen, als alle anderen Versuche fehlschlugen, wobei es zwei Todesopfer gab. Der Dalai Lama und Organisationen im Exil hätten diese „vorbereitete und organisierte Gewalt“ zu verantworten.

Quellen: Tibetan Center for Human Rights and Democracy TCHRD; Phayul; Radio Free Asia RFA; Der Standard (Österreich)

 

16. Januar 2012
Weitere Selbstverbrennung in Tibet – Polizei erschiesst Protestierende
Am 14. Januar kam es wiederum zu einer Selbstverbrennung in Ngaba, das schon vorher Schauplatz von 11 Selbstverbrennungen war.

Ein tibetischer Laie, dessen Namen und Alter unbekannt sind, erlag noch am Ort seinen Brandverletzungen. Nach Berichten von Augenzeugen löschte zwar die herbeigeeilte Polizei die Flammen, habe aber während des Löschens mit einem Schlagstock auf die Person eingeprügelt.

Als sich daraufhin etwa 700 aufgebrachte Tibeter versammelten und die Herausgabe des Leichnams forderten, setzte die Polizei Tränengas und Schusswaffen ein. Während ICT berichtet, der Protest habe sich am Ort der Verbrennung zugetragen, schildert Phayul die lokale Polizeistation als Ort des Aufruhrs.

Auch gehen die Berichte auseinander, was die Opfer angeht. Laut ICT starben zwei Tibeter durch die Schüsse, während Free Tibet Campaign von einer weiteren getöteten Tibeterin berichtet. Übereinstimmend berichten Augenzeugen auch von einem „starken Gas“, das eingesetzt wurde, um die Protestierenden zu zerstreuen, worauf „viele zu Boden fielen“ und von Sicherheitskräften verprügelt wurden. Es soll weitere Verletzte gegeben haben, wobei unklar ist, ob durch Schüsse, Schläge oder durch das Gas. Auch sollen zahlreiche Personen verhaftet worden sein.

China diskreditiert Tibeter, die sich selbst verbrannten
Eine neue Erklärungsvariante für die Welle der Selbstverbrennungen wurde in den letzten Tagen von der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua verbreitet. Während früher behauptet wurde, die Selbstverbrennungen würden durch den Dalai Lama und die tibetische Regierung im Exil gelenkt, zitiert Xinhau nun einen Tibetologen des Forschungszentrums für Tibetologie in der Provinz Sichuan mit einer neuen Sicht auf das Problem. Dieser sagte, es handele sich dabei um Personen, „die früher für Vergehen bestraft wurden, zum Beispiel für Unzucht, Glücksspiele und Einbruch, oder die Schulden wegen Glücksspielen haben.“

Quellen: Phayul; International Campaign for Tibet ICT, Free Tibet Campaign

 

10. Januar 2012
Die 15. Selbstverbrennung in Tibet
Nur zwei Tage nach den Selbstverbrennungen zweier Tibeter in Ngaba [vergl. Tibet-Information vom 9. Januar 2012; UM] setzte sich am 8. Januar der etwa 40-jährige Sonam Wangyal, ein hoch geachteter reinkarnierter Mönch, in Brand und starb auf der Stelle. Dieses ist der 15. Fall seit Beginn der Serie vor fast einem Jahr.

Sonam Wangyal, auch kurz Sopa genannt, trank Kerosin und verteilte den Rest auf seiner Kleidung, bevor er sich vor einer Polizeistation in Darlag in der Region Golog in Nordost-Tibet anzündete. Während er in Flammen stand, rief er Parolen zur Freiheit Tibets und ein langes Leben für den Dalai Lama. Er hinterliess ein Schriftstück, auf dem er mitteilte, er tue dieses nicht „zum persönlichen Ruhm, sondern für Tibet und für das Glück der Tibeter.“ Er ergänzte unter anderem: „Die Tibeter sollten in ihrer Entschlossenheit nicht nachlassen. Die Tage der Freude werden sicher kommen.“

Nachdem Sicherheitskräfte die verbrannte Leiche entfernt hatten, versammelten sich hunderte von Tibetern, um die Herausgabe zu verlangen. Später hielten dort etwa 2‘000 Menschen mit Kerzen eine Mahnwache ab, worauf ihnen die Polizei den Leichnam übergab.

Nach Informationen von RFA sind die Sicherheitskräfte in der Region Golog massiv verstärkt worden, nachdem Plakate auftauchten, die Sopas Tat loben und zu einem Boykott chinesischer Waren aufrufen. Auch werden in den kommenden Tagen tausende von Tibetern zu einer Gedenkfeier in seinem Kloster erwartet.

Beide Tibeter, die sich am 6. Januar anzündeten, sind verstorben
Die Namen der beiden Tibeter werden mit Tsultrim und Tenyi angegeben. Beide seien etwa 20 Jahre alt gewesen. Tenyi starb noch am gleichen Tag, Tsultrim einen Tag später.

Als Zeichen der Wertschätzung und Trauer waren alle tibetischen Läden in Ngaba am Tag darauf geschlossen.

Quellen: Phayul; Radio Free Asia RFA

 

9. Januar 2012
Wieder Selbstverbrennungen in Tibet
Am 6. Januar haben sich zwei weitere Personen in Ngaba, dem Ort der meisten Selbstverbrennungen seit letztem Jahr, in Brand gesetzt. Es handelt sich um die 13. und 14. Fälle seit Beginn der Serie vor fast einem Jahr.

Die Namen der beiden Männer sind nicht bekannt. Einer der beiden sei ein Mönch gewesen, der andere ein Laie. Beide zündeten sich auf einer Hauptstrasse in Ngaba, nahe des Klosters Kirti, in Brand. Sie hätten die Hände zu einer Gebetsgeste geformt und sich dem Kloster zugewandt, dabei Parolen für die Freiheit Tibets und die Rückkehr des Dalai Lama gerufen.

Sicherheitskräfte hätten die Flammen gelöscht und beide abtransportiert. Über ihr Schicksal ist nichts bekannt.

Der Vorfall wurde durch einen Tibeter aus der Region bestätigt, der sich derzeit zur Kalachakra-Zeremonie in Bodh Gaya in Nordindien aufhält und telefonisch Kontakt zu Angehörigen in Ngaba hatte.

Am Ort der Erleuchtung Buddhas hält sich auch der Dalai Lama auf, der die religiösen Belehrungen zur Kalachakra-Zeremonie gibt. Nach Angaben des Pilgerbüros in Bodh Gaya sind dort über 9‘000 Tibeter und schätzungsweise 1‘200 chinesische Buddhisten registriert.

Quellen: Tibetan Centre for Human Rights and Democracy TCHRD; Radio Free Asia